F Glidden

OPEN STUDIO review de/en

12.03.2016 Harald Ruppert
Südkurier Nr 60 FN
Friedrichshafen Archäologie im Bergwerk der Träume
Felicia Glidden zeigt in ihrer Ausstellung Kunst aus der Nachtseite des Gehirns

Ein Metallsplitter ist inmitten all der anderen Arbeiten an der vollen Wand fixiert. Wirklich ein Splitter? Dazu sind seine Kanten zu rund. Und doch ist es ein Überbleibsel – eines aus einem anderen Bewusstseinszustand. Denn dieses Ding ist aus den Träumen von Felicia Glidden in unsere Wirklichkeit hineingeschmolzen.
Mit Träumen beschäftigt sich die aus Minneapolis (Minnesota) stammende Künstlerin seit langen Jahren. Schon in der Schulzeit schrieb sie ihre Träume auf – und mit diesem Splitter, der nur stellvertretend für viele weitere Objekt steht, die ihr im Traum erschienen, hebt sie sie aus der Ebene der flüchtigen inneren Bilder hinüber ins Reale und Bleibende.

Seit Januar 2013 lebt die Künstlerin in Friedrichshafen und eröffnete hier im vergangenen Sommer mit ihrem Mann Alain Wozniak den „ProjekTraum“. Den Auftakt darin machte 2015 eine Ausstellung mit Malerei ihres Landsmanns Jim Denomie. Nun folgen Felicia Gliddens eigene Arbeiten.
Felicia Glidden will mit ihrer Archäologie der Träume keinen Gartenzaun um ihre privaten Trauminhalte ziehen. Eher betreibt sie eine Art Phänomenologie, die auch anderen zugänglich ist und zu der sie ihr eigenes „Bewusstseinsmaterial“ als Basis heranzieht. Einen „Traumstoff“, der entweder klar ist oder amorph wie der besagte Metallsplitter, von dem man rätseln kann, zu welchem Traumgebäude er einmal gehört haben mag.
Aber was kann die Erinnerung, dieser Förderkorb im Bergwerk der Träume, überhaupt ans Licht bringen? Mit der Erinnerung ist es wie mit einem starren Lichtstrahl: Was er erhellt, ist nur Ausschnitt eines Ganzen, das im Dunkeln bleibt. Was dieses Ganze verbirgt und welche Dimensionen es hat, bleibt unbekannt. Eine Tintenzeichnung von Felicia Glidden bildet eine Metapher auf diesen Sachverhalt: Auf eine Buchseite hat sie ein wolkenartiges Gebilde gezeichnet. Nur in einem kleinen Teil davon sind einige Worte lesbar – gerade so viel um zu bemerken, dass es sich um ein Gedicht handelt – der weitaus größte Teil des Textes aber verschwindet hinter schwarzen Schraffuren.

Das Sichtbare und das Verdeckte, das klar Umrissene und das Unscharfe beschäftigen Felicia Glidden. So ist es auch in einer Serie überarbeiteter Fotografien, die die Jungfrau Maria zeigen: Mit Sand und anderen Schmirgelmaterialien hat die Künstlerin die Farbfotos malträtiert, hat die Klarheit der Motive ausradiert und schließlich das Fotopapier mit Farbe und Wachs überzogen. Die Ergebnisse wirken gerade wegen ihrer Unschärfe und der fehlenden Details wie himmlische Visionen.
„Man erkennt Maria nicht genau, aber man weiß, dass sie es ist“, sagt Felicia Glidden und formuliert so, was nicht nur religiöse Erscheinungen ausmacht, sondern oft auch die Erinnerung an Träume: Selbst wenn vom Traum nur einzelne verschwommene Bilder bleiben, kann er das Wachbewusstsein prägen – mit dem Eindruck eines starken Bedeutungsgehalts oder Emotionen, deren Anlass nicht mehr klar zu rekonstruieren sind.

Felicia Glidden greift nicht ins Reich der Träume um naiv hervorzuzeigen, was sie Wundersames darin gefunden hat. Ihr Ansatz gleicht eher einer Wissenschaftlerin, die auch ihre eigenen Methoden, mit denen sie Trauminhalte nach außen trägt, einer Untersuchung unterzieht. Träume müssen übersetzt werden, sonst bleibt der Träumer mit ihnen allein. Träume können in Geschriebenes und Gesprochenes, in fixierte oder bewegte Bilder übertragen werden. Mit jeder Übertragung werden sie dabei Umwandlungen unterzogen, für die es zwei Ursachen gibt: der zwischengeschaltete ordnende Verstand und die Eigengesetze des jeweiligen Mediums.

Beides zeigt sich in der Ausstellung etwa bei der Übersetzung eines Traums ins Schriftliche, in der Textprojektion „First line of every dream I have written“. Felicia Glidden hat sie aus ihren Traumtagebüchern zusammengestellt. Es ist keine komplette Traumerzählung, sondern, wie der Titel sagt, von jedem notierten Traum der jeweils erste Satz. Daraus ergibt sich in der Abfolge eine Textcollage – vor allem aber der Einblick in die Logik des Schreibens. Oft wird im ersten Satz der Ort der Handlung des Traums skizziert, die auftretenden Personen und bereits Grundzüge des Inhalts. Im Schreiben wird gewichtet und zusammengefasst. Das Wesentliche eines Traums kristallisiert sich heraus, und so ist schon der erste Satz eine interpretierende Rekonstruktion.
Nur wenn man sich über diese Mechanismen der Traumaufzeichnung im Klaren, kann man auch nach alternativen Wegen suchen: So hat sich die Künstlerin etwa von hinten nach vorn bewegt – hat eine Aufzeichnung nicht mit dem stärksten oder dem ersten Eindruck eines Traums begonnen, sondern mit dem letzten, an den sie sich erinnern konnte.

In Felicia Gliddens Videos schließlich fließen die verschiedensten Übersetzungsmethoden des Traums zusammen und schaffen so ein Gesamtkunstwerk aus gesprochenem Text, Musik, von mit dem Traumgeschehen in Verbindung stehenden filmischen Bildern, sowie Natur- und Nebengeräuschen. Kombiniert wird dies mit teils aufwändigen Rauminstallationen. Das Ergebnis ist keine Nachbildung des Traums, aber eine dem Traum analoge Sphäre, wie im Video „Between Two Rivers III“ – der Aufzeichnung einer multimedialen Installation. Hier begleiten, kommentieren und widersprechen die eingesetzten Medien einander. Es entsteht ein offener Anknüpfungsraum für Assoziationen, der auch durch die Architektur selbst permanent aufgebrochen wird: In eineinhalbjähriger Arbeit hat Felicia Glidden eine Wand für Filmprojektionen geschaffen. Sie besteht aus hunderten von Kuben. Jeder ist aus einem Metallgerüst gefertigt, das mit geschöpftem Papier überzogen wurde. Diese Kuben stehen nun in den verschiedensten Winkeln auf – und nebeneinander, manche von ihnen sind offen. Diese Wand wirkt wie ein Wellenbrecher für den darauf projizierten Film, der Wasseroberflächen zeigt, denn am Wasser spielt das Traumgeschehen, welches eine Stimme schildert. So wird das Video „Between Two Rivers II“ zum Mosaik. Traumartig wirkt es deshalb, weil es die eindeutige Sinnspur verweigert.

Felicia Glidden betreibt eine künstlerische Forschungsarbeit, aber es geht darin nicht um Traumdeutung, die dem Halbbewussten ja gerade ihr Wesen raubt. In Felicia Gliddens Kunst behalten die fassbar gemachten Elemente des Traums ihre Aura – die Schemen einer unmessbaren Dunkelzone, mit der sie verbunden sind.

Die Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, 13. März, täglich von 14 bis 18 Uhr im „ProjekTraum“ in der Dornierstraße 4 (Erdgeschoss, rechts der Apotheke) in Friedrichshafen zu sehen. Danach kann die Ausstellung noch bis 3. April nach Terminabsprache besucht werden (Telefon 01 76/23 53 43 23, E-Mail: projektraum@protonmail.com). Die Künstlerin im Internet: feliciaglidden.com.

Friedrichshafen archeology in the mine of dreams
Felicia Glidden exhibitions art from the night side of the brain

 

 

A metal shard is fixed in the midst of all the other work on the full wall. Really a splinter? Its edges are too round. And yet it is a remnant from a different state of consciousness, melted from the dreams of Felicia Glidden into our reality.
The Minneapolis, Minnesota-born artist has dealt with dreams for many years. Already at school she wrote her dreams – and with this splinter, which is only representative for many more objects that have appeared in dreams, she lifts them from the level of the volatile inner images into the real and enduring.

The artist has lived in Friedrichshafen since January, 2013, and opened the project space “ProjekTraum” last summer with her husband Alain Wozniak. A painting exhibition by her compatriot Jim Denomie made the kick-off in 2015, and Felicia Glidden follows it up with her own work.
Felicia Glidden will draw no fence around her private dream world with her archeology of dreams. Rather, it operates as a kind of Phenomenology, that is accessible to others, and attracts her own “awareness material” as the basis. A “dream fabric” that is clear or amorphous as the aforementioned fragment of metal, from which one can speculate at what dream building it belonged to.
So what can get the memory cage in the mined dreams even light? The memory is like with a rigid beam: what it illuminates is only part of a whole that remains in the dark. What this whole thing is and which dimensions it has, remains unknown. An ink drawing by Felicia Glidden is a metaphor for this situation. On a book page, she has drawn a cloud-like structure. Only in a small part of it are a few words readable – just enough to notice that it is a poem – the vast majority of the text disappears behind black hatching.

Felicia Glidden deals with the visible and the hidden, the clear –cut and the fuzzy. This is evident in a series of revised photographs which show the Virgin Mary. She has mistreated the color photographs with sand and other abrasive materials, wiping out the clarity of motives, and finally painting and waxing the photo paper. The results, because of their softness and the missing details, appear like heavenly visions.
“You cannot exactly see Maria, but you know that it is her.”, says Felicia Glidden. So this makes not only religious phenomena, but often also the memory of dreams. Even if there remain only a few blurry images of the dream, it can dominate the waking consciousness – with the impression of a strong meaning or emotions, whose cause can no longer be clearly reconstructed.

Felicia Glidden does not go into the realm of dreams just to show the wonderful things she finds there. Her approach is more like a scientist carrying her own methods, whereby she wears the dream content externally as investigative subjects. Dreams need to be translated, otherwise the dreamer is left alone with them. Dreams are written and spoken and can be transmitted as fixed or moving images. With each transmission they must undergo metamorphosis for which there are two causes: the intermediate ordering mind and the internal laws of the respective medium.

Both examples can be found in the text projection “first line of every dream I have written.” Felicia Glidden has compiled them from her dream diaries. It is not a complete narrative of them but, as the title suggests, the first sentence of each recorded dream. What results is a text collage – which above all reveals a glimpse into the logic of writing. Often the first sentence outlines the location of the action in a dream, the people who appear and a preliminary sketch of the content. In writing, the words are weighed and assembled. The essence of a dream crystallizes, and so the first movement becomes an interpretative reconstruction.
Only when someone has experienced the workings of dream recording can you also look at alternative ways, and so the artist has moved around from back to front –and she has also not only started by recording the strongest or first impression of a dream, but also with the last one she could remember.

Finally, in Felicia Glidden’s videos, the different translation methods of dreams converges and creates a work of art of spoken text, music, cinematic images of dream events, as well as natural and ambient noises. This is combined with some complex room installations. The result is not a replica of the dream, but the dream analogous sphere, as shown in the video “Between Two Rivers III” – the recording of a multimedia installation. Here the media used, which is continually broken up by the architecture itself, accompanies, comments on and contradicts each other. It creates an open connecting room for associations. In One and a half years of work, Felicia Glidden has created a wall for film projections. It consists of hundreds of cubes. Each is made of a metal skeleton which has been coated with hand-made paper. These cubes are now arranged in different formations – atop and next to each other, some of them are open. This wall acts as a breakwater for the film projected on it, which shows water surfaces, because water is in the dream sequence as described by the voice. The video “Between Two Rivers II” becomes the mosaic – ethereal because it denies the clear sense of tracking.

Felicia Glidden operates an artistic research, but it is not a dream interpretation that precisely robs the semi-conscious their essence. In
Felicia Glidden’s art the tangible elements made of dreams retain their aura – the schemes of an immeasurable dark zone, with which they are associated.

You can see the exhibition through Sunday March 13 daily from 2 to 6 pm in ProjekTraum at Dorneierstrasse 4 ( next to the Pharmacy on the right side) in Friedrichshafen and by appointment until April 3 . Telephone: 0176/23 53 43 23 Email:projektraum@protonmail.com. The artist is on the internet: feliciaglidden.com

 

Translation F. Glidden

F Glidden